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„Wenn die Seele etwas erfahren möchte,                                                                                                                                                               

dann wirft sie ein Bild der Erfahrung vor sich nach außen                                                                                                                                                               

und tritt in ihr eigenes Bild ein.“                                                                                                                                                               

Meister Eckhart                                                                                                                                                               

 

Wenn die Seele etwas erfahren möchte...

Seelenleben, Kunstschaffen und Kunsterleben stehen zueinander in Beziehung, deren Wert nicht hoch genug einzuschätzen ist.
Kunst bedient sich unterschiedlicher Ausdrucksformen, deren Ergebnis ein Sinnbild zur Verfügung stellt. Dadurch ermöglicht sie einen Selbstbezug,
sei es durch Kunstschaffen selbst oder im Kunsterleben als Publikum. Wenn in allgemeinster Weise gesagt Kunst Ausdruck von Gefühlen und
Gedanken ist, so bietet sich ihr Werk als Spiegel an, um Verborgenes oder auch Abgelehntes entdecken und verstehen zu lernen.
Jede Ausdrucksform gibt etwas durch Darstellung zu erkennen, betreffe es ein Spiel mit Dingen, einen Tanz, vielleicht ein Bild oder einen Text.

Bei Susanne K. Langer (1953, S. 40) heißt es: „Kunst ist das Schaffen von Formen, die menschliche Gefühle symbolisieren“.

Was Kunsttherapie kann

In vergleichbarer Weise greift die Methodik der Multimedialen Kunsttherapie auf ein Instrumentarium zurück, das durch Spielen mit Medien
ein Entdecken brachliegenden oder verschütteten Gestaltungsvermögens anbietet. Ihr Angebot vermittelt die Erfahrung von Selbst-Bezeichnung
im spielerischen Gestalten des Gefühlsausdrucks. Medium und Idee, Form und Aktion prägen als Wechselwirkungsspiel das Gestaltungsvermögen.
Die Begegnung von Gefühlsausdruck und Materialeigenschaften ist Anlass für die Erkundung des Selbstsinns durch Befragen der Erfahrung.
Befragen und Erkunden bilden den zentralen Ansatz dafür, enaktive, figurative und deklarative Ausdrucksformen in Einklang zu bringen.
Die Wechselwirkung zwischen den Ausdrucksformen und ihrer neuronalen Repräsentation machen es aus, dass Symbolisierung entsteht und
dem entspricht, was eine Realisierung subjektiver Autonomie meint.

Drei Settings der Methodik

Die Multimediale Kunsttherapie bietet drei Settings an, wobei ihr konzeptiver Rahmen sich auf Grundannahmen der Selbstorganisationstheorie bezieht.
Der expressive Ansatz versteht sich als Förderungsbasis für die Freiheit des Ausdrucks im geschützten Rahmen des Settings und die Spontaneität
des Gestaltens mit formbaren Mitteln. Schließlich soll der rezeptive Vorgang sowohl die Wahrnehmung von Artefakten begleiten, die nicht selbst
geschaffen wurden, aber auch die Besprechung der eigenen Werke. Zur Symbolisierung im engeren Sinn kommt es, wenn Reflexion im Dialog über
kreative Expressivität zur Selbsterkenntnis führt, die lösungs- und handlungsorientiert eine Übersetzung in den Alltag einleiten kann.        

Das Instrumentarium der Multimedialen Kunsttherapie kann durch mehrere Prozeduren des Gestaltens Selbst-Bezeichnung ermöglichen.
Die enaktive Dimension betrifft jede Form des Körperausdrucks. Die ikonische Dimension bezieht sich auf die figurative Formung von Bildwerken,
seien sie zwei- oder dreidimensional wie beispielsweise das Modellieren von Plastiken aus Ton, Lehm, Gips, Drahtfiguren mit Papierfüllung oder Masken.
Prozeduren erweisen sich als performative Dimension. Die symbolische Dimension erschließt sich durch den narrativen und damit reflexiven Dialog
über das Gestaltungswerk oder die Serie von Ausdrucksformen, die durch intermedialen Transfer erfolgen.

Konzeptiver Rahmen

Im Paradigma der Selbstorganisation und am Modell Kontaktzyklus soll ersichtlich werden, dass der Organismus in Regelkreisen organisiert ist,
die insgesamt das Stoffwechselwesen Mensch mit Energiezufuhr zur Energieumwandlung versorgen. Osmotischer Druckausgleich in der Zelle
und Motivsättigung in der Psyche korrelieren daher als Befriedigung. Dabei geht es nicht allein um Homöostase, sondern um die Steigerung
von Kapazität und Synergie.

In diesem Sinn widmen sich die Prozeduren in Settings der Multimedialen Kunsttherapie der Gestaltschließung und Affektregulierung
nach dem Motto: Von der Aufregung zur Ruhe kommen und durch Kapazitätszuwachs Leichtigkeit empfinden. Lösen innerer Anspannung
und Unruhe, Weitung des Empfindens leiblicher Regungen, die Stärkung des Selbstsinns und der Handlungsfähigkeit gehen mit der Steigerung
seelischer Widerstandskraft einher.

Udo Baer hat Prozeduren der Gestaltungs-, Ausdrucks- und Kunsttherapie in drei Phasen unterteilt und spricht von Metamorphosen
im Wechselspiel von Kunst und Therapie.
Auch therapeutische Prozesse beginnen mit einer Phase des Herantastens, Suchens und Annäherns,
zumeist Eingangsphase genannt. Die Aktionsphase kann vielfältige Aktivitäten umfassen, gestalterische Dialoge, Perspektiv- und Haltungswechsel,
spielerische Identifikationen und andere Experimente. Es folgt dann die dritte Phase, die Integrationsphase, in der es um die Interpretation des neu
Erfahrenen in das leibliche Erleben und in die Lebenswelt geht.

Expressiver Ansatz

Thomas H. Ogden befasst sich in Gespräche im Zwischenreich des Träumens (2004) nebst der Analyse geführter Gespräche mit nie geführten
und unausgesprochenen Gesprächen, mit imaginären ebenso wie mit realen, wie er eingangs sagt (Ogden 2004, S. 11). So erkundet er auch
Gespräche zwischen ‚Dichtern und ihren Gedichten’, zwischen ‚Gefühlen und Gedanken’ sowie zwischen ‚Gedanken und Worten’ (ebd.).
Ogden spricht von einer Offenheit dem gegenüber, was sich zeigen mag und als eine Verkörperung manifestiert (vgl. Ammons 1986, S. 61).
Ogden verleiht seiner Überzeugung Ausdruck, dass in dieser Vitalität das „Lebensblut
aller Kunst“ fließt (Ogden 2004, S. 19). Seine Vorgehensweise
eignet sich in bevorzugter Weise dafür, die Ausdrucksgebärde des Sprechens mit der Bildhaftigkeit des Vorgestellten als auch mit dem
Bewegungsverlauf gestischer Bezeichnung, des Wortklangs und der Sprachmelodie zu vergleichen.

Rezeptiver Vorgang

Die Betrachtung als Vorgang, das Wahrnehmen wahrzunehmen, leitet Dialoge in Richtung Selbstreflexion anlässlich kreativer Expression ein,
sei sie ein fremdes Werk oder eigenes Werkschaffensergebnis. Letzteres kann Gefühlsausdruck oder künstlerischen Ausdruck nach Kriterien
der Formgebung im Verhältnis von Material und Idee betreffen.
Der kunst- und gestaltungstherapeutische Arbeitsansatz lässt Udo Baer sinnbildlich
als Baum darstellen: »Ein Hauptast heißt: „Perspektiv- und Haltungswechsel“, ein zweiter Hauptast „Gestalterischer Dialog“, ein dritter Hauptast:
„Spielerische Identifikation“« (Baer 2008, S. 387). Oft genüge es, sich ein Problem einmal „von einer anderen Warte aus“ anzusehen oder die eigene
Haltung auch nur minimal zu variieren, und schon würden andere Aspekte des Erlebens in den Vordergrund treten, könnten sich neue
Verhaltensmöglichkeiten ergeben, weil der Wandel von Sichtweisen Wahlmöglichkeiten impliziert, einen Gesinnungswandel oder eine
Einstellungsänderung mit sich bringt. Der gestalterische Dialog könne dabei Sprachlosigkeit überwinden, das, wofür es keine Worte gibt, ausdrücken,
neue Wege der Kommunikation eröffnen, neue Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten erproben lassen und das Kommunikationspotential
der KlientInnen fördern.

Im Grunde beginnt der rezeptive Vorgang bei der Kunst der Wahrnehmung nach John O. Stevens (2002) in der Alltagswelt, in der Natur ebenso wie
im Kunstraum Galerie, Museum, Konzertsaal, Kino und Theater. Dazu ist die Arbeit von Nadine Marker Francesca Woodman & Eija-Liisa Ahtila;
zur Bildhaftigkeit und Präsentation von Emotionen in Räumen medialer Künste
(Unipress Verlag Graz, 2017) passend und aufschlussreich.
Nadine Marker befasst sich eingangs mit der Frage, wie dieses Etwas, das im Erscheinen zutage tritt, eben auch als Erscheinen sichtbar
gemacht werden könne? Dabei würden Emotionen und Gefühle aus dem Unsichtbaren ins Blickfeld der Werkgestaltung geraten.
Die Kunst der Wahrnehmung erscheine als Echo der Wirklichkeit. „Kunstwerke können wir letztendlich als visuelle Gedanken und Gefühle verstehen,
die es durch ihre Bildformen erst möglich machen diese zu zeigen.“ (Marker 2017, S. 19).

Intermedialer Transfer

Ein im engeren Sinn multimedialer Kunstgriff des kunsttherapeutischen Handwerks betrifft den von Paolo J. Knill (1972) benannten
„intermedialen Transfer“, den genauer zu erläutern und mit heutigem Wissensstand aus der Säuglings- und Hirnforschung in Verbindung
zu bringen wesentliches Ansinnen der vorliegenden Abhandlung ist. Kurz gesagt, es geht um die Abfolge von Ausdrucksformen mit
gewählten performativen, präsentativen und narrativen Gestaltungsmitteln und größtmöglicher Spontaneität ohne Unterbrechungen
mit Ausnahme von kurzen Anleitungen. Am Ende der gesamten Prozedur kommt es zum intersubjektiv reflexiven Dialog als Betrachtung
und Erkundung der Vorgänge und Ergebnisse in Hinblick auf Sinnbildlichkeit und Selbstbezug. Insofern können Ähnlichkeitsbeziehungen
zwischen den Gestaltungen entdeckt, der Symbolisierungsprozess im Dienste des Selbstsinns vorangetrieben werden.
Manchmal ist damit schon das Beste getan, da es Selbstheilungskräfte aktiviert.     

Die enaktive Dimension

Körperlicher Ausdruck und die damit grundlegende Ausdrucksform der Vitalität lassen sich mit folgenden Kategorien näher bestimmen:
Richtung, Umfang, Kraft und Geschwindigkeit einer Bewegung, sei es ein Sprechakt, die Handschrift, das Begehen des Raumes, Tanz,
Musizieren, Gesang, Modellieren einer Plastik, Malen und Zeichnen eines Bildes, Schauspiel als Improvisation, Rollenspiel oder
Inszenierung eines Textes, Herstellen eines Films usw. Maßgeblich ist für die genannten Parameter der Ausdrucksformen das Ziel
des Bestrebens, die subjektive Intention des Gestaltungsprozesses zu erfassen und autonom umzusetzen.  

Die figurative Dimension

Jede bilderzeugende Übersetzung oder Entsprechung körperlichen Ausdrucks lässt sich als gerichtete Spannung von Gestaltungselementen
eines Formgebildes verstehen, sei es die ganz selbstverständlich gegebene visuelle Wahrnehmung, die Umwandlung von Regungen und
Empfindungen in bildhafte Vorstellungen, die Betrachtung eines Bildwerks, das bildnerische Werkschaffen als gestaltender Vorgang.
Bild und Bewegung verhalten sich wie Geschwister, die einander gefallen, dann wieder streiten. Bringen Bilder anstrebende oder
vermeidende Bewegung hervor, so Erwirken Bewegungen Bilder der sinnlichen Eindrücke. Im dritten Teil gehe ich auf das
Selbstorganisationsprinzip von Schema und Imago näher ein.    

Die narrative Dimension

Benennen und Beschreiben von Körperausdruck, anschaulichem Denken und Bildwerken bedienen sich des Sprechakts,
des Satzbaus, der Aussagekraft von Sätzen. Letztlich belegt dies ein Erzählen, Begründen und Erklären von Sachverhalten,
Annahmen und Auffassungen.  Das Besprechen einer Betrachtung im Nachvollzug eines fremden Werkes oder Erkunden des
eigenen Werkes vollzieht die Trias von Wahrnehmung, Sinnbildlichkeit und Selbstbezug.